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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No47 / 24. September 2017

Fredersdorf (PM)

Die bisherige Tour entlang der Plane hat uns auf die einst sächsische Seite der Niederung und dort über Dippmannsdorf nach Lütte geführt. Nächster Zwischenhalt ist Fredersdorf.

Dem Friedrich sein Dorf

Fredersdorf, das klingt nun wieder ganz deutsch und ist tatsächlich ein typisches Straßenangerdorf der deutschen Ostkolonisation. Es wurde vermutlich um das Jahr 1200 gegründet, urkundliche Erwähnung fand es erstmals 1313. Der Name bedeutet so viel wie Friedrichs Dorf, man könnte auch sagen „dem Friedrich sein Dorf”. Demnach hieß der Ortsgründer Friedrich.

 

Am Ortseingang findet sich ein Hinweisschild, aus dem hervorgeht, dass Fredersdorf Mitglied in der „Arbeitsgemeinschaft Historische Dorfkerne im Land Brandenburg” ist. Das klingt schon mal vielversprechend. Und wen es interessiert, der sei auf die Webseite der entsprechenden Arbeitsgemeinschaft verwiesen (http://www.historische-dorfkerne-brandenburg.de/verzeichnis/objekt.php?mandat=47256).

 

Auf der Infotafel im Dorfkern wird dann nicht nur ein kurzer Abriss zur Ortsgeschichte gegeben, sondern vor allem zu einem historischen Dorfrundgang mit neun Stationen eingeladen. Die Besonderheit des Dorfes stellt laut Infotafel die gut erhaltene mittelalterliche Dorfstruktur dar, die sich in den zahlreich erhaltenen Vierseitenhöfen des Dorfkerns zeigen soll. Leider sind einige dieser Höfe auf der Dorfseite inzwischen grässlich verschandelt, so dass der Gesamteindruck des historischen Dorfkerns mich nicht so ganz überzeugt. Da kenne ich besser bzw. authentischer erhaltene Dörfer. Aber schon sehr betörend ist die vollkommene Ruhe des von Durchgangsverkehr sehr fernen Ortes. Die Stimmung in Fredersdorf ist dadurch ungewöhnlich entspannt, ja geradezu urlaubsreif.

Historischer Dorfkern?

(Ängstlicher) Glaube versetzt Steine

Dorfkirche Fredersdorf

Das älteste erhaltene Gebäude ist auch in Fredersdorf die Dorfkirche, die im Kern vermutlich aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt und deren Saalbau noch immer von Feldsteinen geprägt wird. Im spätromanischen Kernbau sollen immerhin 8.000 bis 10.000 Feldsteine verbaut sein. Das muss man sich mal vorstellen, denn die mussten ja erst einmal mühselig auf den umliegenden Feldern aufgesammelt und dann hierher geschafft werden, bevor man sie verbauen konnte. Und das alles musste mit mittelalterlicher Technik und vornehmlich tierischer und menschlicher Muskelkraft vollbracht werden. Immer wieder finde ich es faszinierend, aber auch sehr rätselhaft, welche Kosten, Strapazen und Entbehrungen die Menschen in früheren Zeiten – trotz ihrer Armut und allgemein sehr harten Lebensbedingungen – für den Bau dieser nun wirklich nicht lebensnotwendigen „Gotteshäuser” auf sich genommen haben. Tja, Glaube versetzt – trotz gegenteiliger Behauptung – zwar keine Berge, aber schwere Steine offensichtlich schon. Allerdings wird in den Überlieferungen immer wieder ein schwergewichtiges Motiv für diesen gläubigen Eifer benannt: Es war nicht zuletzt die pure Angst. Die Angst vor dem „Fegefeuer” und einem eher gefürchteten als geliebten Gott, dessen Wohlwollen man sich verdienen oder erkaufen zu müssen glaubte. Tetzel lässt grüßen.

Leider wurde der mittelalterliche Feldsteinbau im 18. und 19. Jahrhundert mehrfach um- und ausgebaut und hat dabei – in meinen Augen – leider nicht gewonnen. Immerhin sind die Proportionen des vergrößerten Gebäudes stimmig geblieben. Wer mehr über diesen kleinen Bau erfahren möchte, dem sei die herausragende Webseite „Askanier-Welten” wärmstens ans Herz gelegt (http://www.askanier-welten.de/dorfkirchen/fredersdorf/).

Vergebliche Liebe, lauschiges Freibad

„Lass dich tragen von der Liebe“

Auf dem Kirchhof entdecke ich dann eine sehr originelle Bank-Skulptur (oder ist es eine Skulptur-Bank?) mit dem Titel „Lass dich tragen von der Liebe”. Und so lasse ich mich augenblicklich tragen, aber die Liebe bleibt bedauerlicherweise im Verborgenen. Na ja, war einen Versuch wert. Aber diese Ruhe hier in Fredersdorf ist wirklich himmlisch. Und plötzlich kommt da schon wieder ein zartes Urlaubsgefühl auf. Hat man auch nicht alle Tage. Nach einem Moment der Muße rappele ich mich wieder auf und schnappe mir mein Rad, um das restliche Fredersdorf etwas genauer zu betrachten. Rein zufällig führt mich der Weg in die kleine Sackgasse der Schulstraße, an dessen Ende ich auf ein kleines, lauschiges – und verwaistes – Freibad stoße. Und schon ist wieder dieses Urlaubsgefühl da.

 

Freibad Fredersdorf

Das hier ist doch ein echter Geheimtipp, hier könnte man schöne Tage verbringen, denke – und noch mehr fühle – ich. Leider steht hier nirgendwo etwas über die Öffnungszeiten des Bades, aber sicherlich verirren sich Fremde hier nur sehr selten, und die Ortsansässigen werden die Öffnungszeiten kennen. Zurück am Dorfanger treffe ich auf einen Anwohner, den ich nach den Öffnungszeiten des Freibades frage. Ich erfahre, dass dies während der Saison in der Woche täglich ab 14 Uhr geöffnet hat, am Wochenende bereits am Vormittag. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es hier zu dichtem Gedränge kommt, wie etwa in den Berliner Freibädern. So ein lauschiges Wasserplätzchen hat doch was.

Weitere Attraktionen

Kossätenhaus aus dem 18. Jh.

Fredersdorf hat darüber hinaus wirklich mehrere sehenswerte Fleckchen zu bieten. Beispielhaft erwähnt seien das Kossätenhaus aus dem späten 18. Jahrhundert am Nordostende des Dorfes oder das barocke Gutshaus von 1719/20, das samt Gutspark südöstlich des Dorfkerns liegt. Zumindest derzeit sind Park und Gutshaus aber leider nicht zugänglich.

Barockes Gutshaus

Das aufkommende Urlaubsgefühl wird aber besonders vom romantischen Mühlengehöft an der Baitzer Straße verstärkt, nicht zuletzt, da es Pension und Gasthof „Zur Mühle” beherbergt. Die idyllisch am Fredersdorfer Bach gelegene Wassermühle, die urkundlich seit 1441 an diesem Standort belegt ist, ist allerdings von der Straße aus kaum zu erkennen und entspricht auch nicht der Bilderbuchvorstellung einer alten Fachwerkmühle. Es handelt sich um einen mehrstöckigen Ziegelsteinbau aus den 1930er Jahren, der aber dennoch sehenswert ist und den man am jährlichen Mühlentag – aber auch auf Anfrage – besichtigen kann.

Mühlengehöft am Fredersdorfer Bach

Mühlengehöft

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