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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No2 / 5. Januar 2017

Göttin in Brandenburg entdeckt!

Erfahrung 1 – Göttin (1). Wir schreiben das Jahr 2015. Havelland/ Brandenburg ist sehr angestrengt im BUGA-Fieber. An vier Standorten im Land und einem in Sachsen-Anhalt findet die dezentrale Bundesgartenschau Havelregion 2015 statt. Mark Radler erradelt – in großem Bogen um die BUGA – ein Alternativprogramm in den südlichen Außenbereich des Havellandes.

Göttin in Brandenburg entdeckt!

Zugegeben, das klingt jetzt wie eine Schlagzeile in dieser bildreichen Zeitung. Aber es ist die reine Wahrheit. Jedenfalls meine Wahrheit. Für mich war das eine Entdeckung: Göttin im havelländischen Brandenburg. Beim Namen Göttin hängt natürlich viel von der Betonung ab. Göttin oder Göttin. Erstere zieht uns mit dem Bezug zu göttlichen Sphären natürlich mehr in den Bann, belebt unsere Fantasie in größerem Maße …

Vom Bahnhof Brandenburg sind es knapp 6 km zum südlich der Stadt gelegenen Ortsteil Göttin, der bis zur Eingemeindung natürlich eine eigene Gemeinde bildete. Die Brandenburger Straße führt direkt dorthin, direkt hinein. Am Ortseingang überrascht mich schon mal so eine Art „Brücke Kunterbunt”. Das kleine Bauwerk, das für die inzwischen stillgelegte Bahnstrecke Brandenburg-Treuenbrietzen der einstigen Brandenburgischen Städtebahn das kleine Flüsschen namens Plane überspannt, ist recht frisch – und gar nicht mal so schlecht – besprayt. Ich weiß, das wird jetzt nicht jedem gefallen, viele halten das für Vandalismus. Aber es sei bedacht: hier verrottet eine stillgelegte Bahnstrecke, eine Brücke, die niemand sonst noch nutzen will (oder kann). Dann soll sie doch ruhig Leinwand für Kreative sein. Wer hat schon was vom öden Grün zuvor?

Brücke Kunterbunt in Göttin

Die Dorfkernfrage

Weiter geht’s. Göttin entpuppt sich als bescheidener Ort. Und keine Menschenseele ist zu sehen. Stellt man sich so Göttliches vor? Aber ich sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Stille Wasser sind tief, heißt es. Also, auf zur Mitte. So suche ich nach der Kirchturmspitze, denn meist steht die Kirche mitten im Dorf. Hier scheint das anders, hier wirkt sie etwas abseitsstehend. So ganz erschließt sich mir hier auch nicht die Struktur des Dorfes. Ich erkenne weder Anger- noch Straßendorf, aber auch keinen Rundling. Der Ort ist halt schon städtisch überformt.

Wie in den meisten Orten der Mark, ist auch hier die Kirche, also hier die Dorfkirche, das älteste erhaltene Gebäude. In Göttin ist es allerdings nur noch der Turm, der uns aus dem späten Mittelalter grüßt, als alle Häuser drum herum nur aus Holz und Lehm errichtet waren. Den Luxus steinerner Bauten konnte man sich damals nur für das eine Bauwerk leisten. Steine waren hier ja Mangelware, man musste sie mühsam von den Feldern auflesen. Harte Zeiten. Auch dieser Turm wirkt irgendwie bescheiden, mit seinem halb verputzten Feldsteinmauerwerk. Der Rest der Kirche ist 19. Jahrhundert. Ich suche erstmal eine Perspektive – für ein Foto. Klick. Die erweiterte Ansicht von Südwesten wird leider von dem deutlich weniger als schlichten Zweckbau der Freiwilligen Feuerwehr verstellt. Trotzdem Klick.

FF Göttin vs. Dorfkirche

Die erste Göttin

Ich wende mich um. Und da kommt sie, meine – erste – Göttin oder Göttinerin. Die hatte ich mir zwar etwas anders ausgemalt, aber dafür kann die rüstige Rentnerin ja nichts. Ich packe die Gelegenheit – und nicht die Dame! – beim Schopfe und frage, ob es in Göttin Sehenswertes gäbe. Da meint sie: „Na, die Freiwillige Feuerwehr haben sie ja schon gesehen.” Oh, ist das jetzt Göttiner Humor? Der gefällt mir. Dann langes Schweigen. Nee, mehr falle ihr wirklich nicht ein. Dann kommt aber doch noch ein zaghafter Nachtrag: „Vielleicht noch das Zentrum mit dem großen Platz.” Donnerwetter, Göttin hat ein Zentrum mit einem großen Platz. Ich solle nur die Krahner Straße runterfahren … Nichts wie hin.

Und doch noch im BUGA-Land

Das Zentrum mit dem großen Platz, der mir vorhin gar nicht aufgefallen war, entpuppt sich als Wendeschleife für den Linienbus nach Brandenburg. Und gerade kommt auch einer – und ist leer. Da niemand in Göttins Zentrum wartet, fährt der Bus leer auch wieder ab. Vom großen Platz in Göttin ins große Brandenburg. Da fällt mein Blick auf die Mitte der Wendeschleife, die Mitte des gepriesenen „Zentrums”. Ja gibt’s denn sowas: die Bundesgartenschau Havelregion 2015 ist auch in Göttin präsent. Es gibt ein Bundesgärtchen in Göttin, und das mitten im Zentrum. Das Schild ist zwar fast größer als der kleine „Garten”, aber dieser strahlt einen klaren Gestaltungswillen aus: rechteckig, praktisch, gut. Ähnelt vielleicht doch etwas zu sehr einer Begräbnisstätte. Aber immerhin, dieser Bundesgarten hier ist nicht eingezäunt, hier braucht man keine 20 € Eintritt löhnen. In Göttin gibt’s die BUGA zum Nulltarif, Respekt.

BUGA-Außenstelle Göttin

Warte, warte Wartehalle

Erst jetzt fällt mir auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine – für Göttiner Verhältnisse – riesige Menschenansammlung auf. Drei ältere Herren und fünf Damen stehen dort in angeregter Unterhaltung beieinander und blicken immer wieder zu mir herüber. Hier bin ich jetzt wohl die Attraktion. Vermutlich gibt’s das nicht alle Tage, dass ein radelnder „Tourist” in Göttin haltmacht und den hiesigen Bundesgarten fotografiert. Das muss ja Neugier wecken. Belustigt geht mein Blick zurück zum großen Platz, dessen zentrale Funktion durch einen Briefkasten und eine Haltestelle mit dunkelgrüner Wartehalle erfüllt wird. Diese Wartehalle. Dieses Dunkelgrün. Das ist so ganz anders als das Einerlei der Berliner Wallhallas. Da kommt mir der Gedanke, ob es so etwas wie eine Wartehallenkultur geben könnte? Das werde ich im Auge behalten, nehme ich mir vor. Dann kommt mir aber noch eine Frage höchster Relevanz in den Sinn: Warum nennt man solche kleinen Dinger eigentlich Wartehalle? Dieser Frage kann man sich wohl nur philosophisch nähern. Was ich auf später verschiebe.

Zentrale Platzfunktionen

Feuchte Grüße aus dem Hohen Fläming

Westlich des Platzes zeugt ein verwitterndes Ensemble aus Imbisswagen und bretterverschlagenem Vorbau davon, dass dieses Zentrum einst lukullisch bessere Zeiten erlebt haben dürfte. Ein verbleichendes Schild „Berliner Kindl” erweckt Wehmut und Mitleid zugleich. Mein Blick fällt nun auf einen stattlichen Gewerbebau, der nordwestlich des Platzes steht und aktuell von einer Tischlerei genutzt wird. Später erfahre ich, dass dieses Gebäude in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Maschinenspinnerei errichtet wurde und inzwischen geschütztes Baudenkmal ist. Zuvor befand sich an dieser Stelle eine Wassermühle aus dem 17. Jahrhundert. Da könnte man ins Träumen geraten. Perdu. Aber Wassermühle heißt ja auch: gleich hinter dem Zentrum fließt die Plane, jedenfalls ein Seitenarm von ihr. Und genau da stoße ich auf die nächste Sehenswürdigkeit Göttins: das „Göttiner Wehr”, mag es wasserwirtschaftlich korrekt auch anders heißen.

Göttiner Wehr

Die Plane, dieses nette kleine Flüsschen, das uns aus dem Hohen Fläming feuchte Grüße überbringt und nahe der Stadt Brandenburg in die Havel(seen) mündet, stürzt hier unter lieblichem Rauschen etwa anderthalb Meter in gefühlte tiefste Tiefen. Auch hier erliege ich der Magie bewegten Wassers, der Ruhe im lauten Rauschen. Hier könnt‘ ich mich verlieren. Mal wieder. Göttin am Planestrand. Merkt auf, ihr Touristenwerber. Aber ich habe heute noch so viel vor, also, lieber nicht verlieren.

Als ich zurück ins Zentrum schreite, erklärt sich mir endlich die wartende Menschenmenge, auch wenn die sich inzwischen in Luft aufgelöst zu haben scheint, denn dort hält gerade ein Verkaufswagen einer Lehniner Bäckerei. Verhungern müssen die Göttinnen und Göttiner also nicht, stelle ich beruhigt fest. Auch für mein Zweitfrühstück kommt der rollende Bäckerladen gerade recht.

Ehemalige Spinnerei

Von jungen Göttinnen und bajuwarischen Lobpreisungen

Frisch gestärkt will ich mir die einstige Maschinenspinnerei von Norden her betrachten. Da entdecke ich die ersten jungen Göttinnen, die mir samt Kinderwagen auf der Brandenburger Straße fröhlich plaudernd entgegenkommen. Es sind zwei Schwestern, eine lebt mit ihrer kleinen Familie seit kurzem in Göttin, die zweite kommt gerade zu Besuch – aus Berlin. Amüsiert von meiner geplanten Reisereportage über Göttin – wirklich über Göttin? – gehen beide fröhlich und sehr charmant auf meine Fragen ein. Göttin ist demnach auch für junge Leute ein guter Ort zum Leben. Neben der Ruhe und Beschaulichkeit und der schönen Landschaft finden sich hier auch einige kulturelle Perlen in der Nähe, so wie Schloss und Schlosspark Reckahn und die Kirche in Meßdunk, in der viele Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Dann gebe es noch den Badesee an der Autobahn und einen Beobachtungsturm des NABU. Im Geiste ist sogleich alles notiert, vor allem aber Meßdunk. Allein der Name lohnt einen Besuch. Um mich restlos von Göttin zu überzeugen, erzählt mir die junge Neu-Göttin, dass sogar einer ihrer Onkel, der aus dem fernen Bayuwarenland stammt und ansonsten kaum ein gutes Haar am (gottlosen?) Brandenburger Lande lasse, dass also sogar dieser Onkel von Göttin und seiner Umgebung sehr angetan sei. Das ist kaum noch zu toppen, so ein Gütesiegel aus dem Bavarischen. Nach dem sehr herzlichen Abschied radle ich weiter – durch Göttin.

Göttiner Impressionen

Krahner Straße

Göttliche Ansicht

Kreis der Göttinnen

Landschaft um Göttin

MARK RADLER will return …