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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No36 / 2. Juli 2017

Im Cammer Kietz

Vom einstigen Grenzstädtchen Golzow geht’s entlang der Planeniederung weiter nach Cammer.

Auf nach Cammer

Am Ortsende von Golzow weist das Ortsschild auf eine Ortschaft namens Cammer hin. Cammer, das ist wieder so ein Name, der sofort neugierig macht. Cammer. Ein wirklich ungewöhnlicher Ortsname. Und schon spürt Mark Radler den Sog, den Cammersog. Auf nach Cammer, selbst wenn sich der Ort als Niete erweist. Um die 4 km sind mit dem Rad ja auch kein Ding.

 

Broesigkes Mühle

Bockwindmühle in Cammer

Am Ortseingang werden wir dann erstmal von einer gut erhaltenen Bockwindmühle überrascht. Einer Infotafel ist zu entnehmen, dass dieser Mühlenstandort seit etwa 1750 urkundlich belegt ist. Die Mühle wurde von der hiesigen Gutsherrschaft von Broesigke errichtet. Gutsherrschaft, das klingt ja schon mal gut. Und auch der urige Name „von Broesigke” entzückt mich. Aber zurück zur Mühle. Die Mühle selbst stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts, auch wenn die Infotafel auf den ersten Blick den Eindruck vermittelt, dass sie von 1750 stammt. Aber ein wenig Schummeln sei den Mühlenfreunden verziehen, zumal die Chronik den ersten – falschen – Eindruck korrigiert (nur wird die Chronik vermutlich nicht von allen Besuchern gelesen).

Immerhin soll die Mühle noch betriebsfähig sein. Sie kann in der Sommersaison jeden zweiten Sonntag besichtigt werden (s.  http://www.reiseland-brandenburg.de/reiseziele/flaeming/details/id/12798/theme/a-z.html). Natürlich werden hier auch regelmäßig Mühlenfeste veranstaltet (wen’s interessiert). Apropos Broesigke. Die machen mir richtig Mut, die von Broesigkes, denn wenn’s hier eine Gutsherrschaft gegeben hat, dann wird es wohl auch ein Gut dazu geben. Ein Gut ist immer gut. Erst recht ein Cammergut. Die Spannung steigt, aber auch die  Erwartung, die enttäuscht werden kann. Also weiter, rein nach Cammer.

Ein Kietz in Cammer

Kietzstraße in Cammer

Kurz nach einer scharfen Rechtskurve stoßen wir auf eine von der Hauptstraße abzweigende Kietzstraße. Vielleicht entpuppt sich dieses Cammer noch als kleine Wundertüte. Denn eine Kietzstraße weist eigentlich auf einen mittelalterlichen Kietz hin. Und als Kietz wurden im Mittelalter Dienstsiedlungen genannt, die meist in der Nähe einer Burg lagen. Wenn es hier einen Kietz gegeben hat, dann muss in oder bei Cammer auch eine mittelalterliche Burg gewesen sein. Für ein ehemaliges Grenzland ist das allerdings auch nicht so verwunderlich, wenn es hier mehrere Burgen gegeben haben sollte. Und sofort stelle ich mir den „Burgherren von Broesigke” vor, warum auch immer, als feisten, rotwangigen Typen mit einem Krug Bier in der Hand. Prost Broesigke! Der Cammer Kietz weist auch darauf hin, dass es – trotz ganz unslawischem Ortsnamen – auch hier eine slawische Urbevölkerung gegeben hat, denn zumindest anfänglich wurden solche Kietze nur von Slawen bewohnt, die gegenüber den meist deutschen Burgherren bzw. Herrschaften zu bestimmten Dienstleistungen verpflichtet waren. Diese Kietze wurden erst in deutscher Zeit angelegt, man könnte sie auch kleine Reservate nennen. Vermutlich wollten die neuen (deutschen) Herrscher damit die eingesessene slawische Bevölkerung „bei der Stange halten”. Ja, reden wir nicht drum herum, auch wir friedliebenden Märker sind letztendlich – geschichtlich betrachtet – Nachfahren machthungriger Eroberer und Unterdrücker. Die deutsche Ostkolonisation der ostelbischen Slawengebiete im Mittelalter und die zwangshafte Christianisierung der slawischen Bevölkerung würden heutzutage in der UNO sicher auf heftige Ablehnung stoßen und vermutlich zu so etwas wie Handelssanktionen gegen Deutschland führen, wenn nicht noch zu mehr. Natürlich waren das andere Zeiten damals, die wir nicht mit unseren heutigen Moralvorstellungen bewerten sollten. Trotzdem sollten wir uns dessen bewusst sein, auf welch zwiespältigen Grundlagen auch unsere Mark errichtet wurde.

Kein Wetzel ohne Gemetzel

Die Kietzstraße von Cammer selbst ist keine sonderliche Attraktion, aber immerhin befindet sich an ihrem Ende eine Art kleiner Rundling, was sich auf dem Luftbild recht deutlich abzeichnet. Das sind möglicherweise noch strukturelle Überbleibsel einer slawischen Siedlung. Heute scheint in der Kietzstraße das Gewerbegebiet des Ortes zu liegen. Da fällt mir eine simple Werbetafel auf: Wetzel-Reisen – und ich zucke innerlich zusammen. Kein Wetzel ohne Gemetzel. So hieß das in unserer Schule, und das bezog sich auf einen knallharten Knochen von Französischlehrer. Aber hier handelt es sich nur um den harmlosen Omnibusbetrieb Gustav Wetzel, der für den VBB dick im Regionalverkehrsgeschäft tätig ist.

Als Highlight der Kietzstraße möchte ich allerdings den Malerbetrieb Kelch hervorheben, der mit einer in aggressivem Popelgrün gestalteten Hausfassade für seine „innovative Farbgestaltung” wirbt. Köstlich, das macht wirklich Eindruck auf mich: Popelgrün als innovative Farbgestaltung. Ist nun mal Grenzland, dieses Cammer. Auch in geschmacklichen Fragen.

Innovative Farbgestaltung!

MARK RADLER will return…