lädt…

Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No37 / 9. Juli 2017

Prost Broesigke!

Vom einstigen Grenzstädtchen Golzow geht’s entlang der Planeniederung weiter nach Cammer.

Kurzer Plausch mit einem Cämmerer

Hauptstraße in Cammer

Nach der Kietzbesichtigung geht es zurück auf die Cammer Hauptstraße, dort folgen wir einer scharfen Linkskurve und blicken auf ein lang gestrecktes Straßendorf. Das ist also Cammer. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. Auf Höhe der nächsten Straßenecke geht gerade ein älter Herr seines Weges, den ich sogleich um Orientierungshilfe ersuche. Was sollen wir lange nach dem Gut rumsuchen, so frage ich einfach danach: „Entschuldigung, wo finde ich hier denn das Gut?”. „Wat finden se jut?”, kommt als Gegenfrage zurück. „Nee, nee, ich find hier nix gut…”. Bevor ich den fälschlich zu verstehenden Satz zu Ende bringen kann, wirft mir der gute Mann trocken entgegen: “Junger Mann, dit is aba schaade, dit se hier nüscht jut finden”. So hatte ich das doch gar nicht gemeint, etwas verwirrt stammele ich rum: „Nee, ja…!“ Der Cämmerer, oder wie nennt man einen Anwohner Cammers (?), entgegnet seelenruhig: „Nee oder ja, jut oder nich jut, entscheiden se sich, junger Mann!“. Meine Verwirrung legt sich, als ich in ein verschmitzt lächelndes Gesicht blicke. So etwas erlebt man in Brandenburg auch nicht alle Tage. Ich erlange meine Fassung wieder und pariere halbwegs originell: „Ich fänd ein Gut in Cammer gut”. Mein Gegenüber nickt wohlwollend, runzelt dann nachdenklich kurz die Stirn: „Na jut, aber in Camma hamma keen Jut mehr”. Das macht ja richtig Spaß. Wir erfahren dann vom längst abgerissenen Schloss, es war mal wieder „der Russe”, und vom nahe gelegenen Gutspark, der sogar „den Russen“ und den „real existierenden Sozialismus“ überlebt hat. Der gute Mann erzählt dann noch, dass Cammer auch „Zweimühlendorf” genannt wird. Neben der uns bereits bekannten Bockwindmühle gibt es auf der anderen Seite des Ortes noch eine Holländermühle, die sogar noch in Betrieb ist, allerdings nicht mehr mit Windkraft betrieben wird und auch keine Windräder oder Flügel mehr hat. Zufälligerweise stehen wir genau an der Einmündung der kleinen Straße „Im Park”, über die wir direkt zum Gutspark und dem ehemaligen Schlossstandort kommen. Nach einem herzlichen Abschiedsgruß geht es dann weiter zum Gutspark.

Landschaftspark am Planetal

Gutspark Cammer

Der Gutspark Cammer liegt fast malerisch am Rand zum Planetal und wird im hinteren Teil von einem naturnahen attraktiven Baumbestand geprägt, der sich bei näherer Betrachtung als Relikt eines Eichen-Hainbuchenwaldes entpuppt. Wie schon im Krahner Busch wird auch hier der Boden gerade von dichten Beständen des weiß blühenden Buschwindröschens eingenommen. Es ist ja Frühling, und für Eichen-Hainbuchenwälder (wie auch Buchenwälder) ist der Frühling zweifellos die attraktivste Jahreszeit. Im bewaldeten Teil des Landschaftsparks finden sich dann noch zwei Teiche und trocken gefallene Gräben. Aus diesen Gewässerstrukturen kann man aber leider beim besten Willen keine ehemaligen Verteidigungsanlagen der gesuchten Burg herauslesen, es handelt sich hier recht eindeutig um landschaftsgärtnerisch begründete Gewässer.

Prost Broesigke!

Am Wiesenrand stoßen wir dann auf auf eine recht umfassende Informationstafel zum ehemaligen Rittergut Cammer. Nach der Lektüre müssen wir erstmal unsere Vorstellung vom ritterlichen Burgherren Broesigke korrigieren, denn die Sippe der Broesigkes hat das Cammergut erst Anfang des 17. Jahrhunderts erworben. Da gab’s schon lange keine Ritter mehr. Bei seiner urkundlichen Ersterwähnung 1375 gehörte das Rittergut noch einem Wichard von Rochow. Richtig, die von Rochows kennen wir bereits aus Reckahn und Golzow (s. No 8, 27, 33 und 34).

Von einer Burg in Cammer steht auf der Infotafel leider nichts. Aber wenn es bereits 1375 ein Rittergut in Cammer gegeben hat, dann sollte man davon ausgehen, dass das dann auch befestigt war. Also, nicht die Hoffnung verlieren. Am Rande sei noch erwähnt, dass besagter Wichard von Rochow darauf hinweist, dass wir uns in Cammer noch immer auf urmärkischem Territorium befinden. Die einstige Grenze zu Sachsen haben wir heute also noch nicht überfahren.

Immer wieder ist es verblüffend, was auf solchen heimatbewegten Infotafeln mitunter für berichtenswert gehalten wird (und was nicht). Hier wird für das Jahr 1938 (!) vermerkt, dass ein Harald von Broesigke mit dem Motorrad tödlich verunglückt ist. Donnerlittchen, das wollte wir doch schon immer wissen. Was sollte uns aus den 1930er Jahren wohl auch sonst interessieren? Prost Broesigke!

Das Cammer Gut

Vom Gut sind randlich noch ein paar Gebäude erhalten, so der kürzlich restaurierte Pferdestall mit Wagenremise und Kutscherwohnung. Heute wird das hübsche Gebäude als Dorfgemeinschaftshaus genutzt.

Restaurierter Pferdestall

Im Nordosten des Parks fällt uns schließlich eine kleine Erhebung auf, die heute wohl insbesondere als Rodelberg genutzt wird. Jedenfalls in einem der inzwischen eher seltenen schneereichen Winter. Bei näherer Erkundung finden wir eine weitere – kleine – Infotafel (mit Bild), die darauf verweist, dass an der Stelle des heutigen Rodelbergs bis 1949/50 das ehemalige Gutsgebäude (oder Schloss) stand.

Rodelberg und Schlossstandort

Dieses letzte Gutshaus wurde allerdings erst Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet, nachdem der Vorgängerbau einem Brand zum Opfer gefallen war. Das letzte „Schloss“ hatte also bereits keinen Bezug mehr zum – vermuteten – mittelalterlichen Ursprungsbau. Der besagte „Neubau“ muss den Krieg relativ unbeschadet überstanden haben, denn nach 1945 wurde er mit Flüchtlingen belegt und 1948 sogar noch zum Altersheim umgebaut. 1949/50 wurde das Gutshaus dann trotzdem abgerissen. Wie wir vorhin erfahren hatten, soll dafür „der Russe” verantwortlich gewesen sein. Aber vielleicht wird „dem Russen“ auch hier etwas in die Schuhe geschoben, was besser in einen übereifrigen deutschen (SED-) Stiefel passt. Immerhin gab es 1949/50 bereits die DDR samt Selbstverwaltung der selbsternannten „Deutschen Demokraten”. Ob da „dem Russen” noch ein ehemaliges Gutshaus in einem kleinen märkischen Dorf wichtig war? Kann man glauben, muss man aber nicht…

 

Wenn es hier in Cammer eine Burg gegeben hat, dann dürfte auch sie – sehr wahrscheinlich – am Standort des heutigen Rodelberges gestanden haben. Der Schlosshügel gibt hierfür allerdings keine neuen Erkenntnisse preis. Ist halt sehr lange her, mindestens zwei Nachfolgebauten. Und sicherlich wurde der vermeintliche Burghügel bei der Anlage des Rodelbergs nochmals stark überformt. Auf jeden Fall hätte man von hier – ohne Wald oder Park – einen guten Überblick über das Planetal, wo einst irgendwo die Grenze zu Sachsen verlief. Für eine Grenzburg war das also durchaus ein guter Standort. Mal sehen, ob wir dazu noch etwas herausbekommen.

MARK RADLER will return…