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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No 98 / 20. Februar 2022

Der Burgwall bei Leegebruch

Vorwärts in die Vergangenheit: per Rad auf 1100 Jahre Zeitretour.

Mittelalterliche Spuren im märkischen Sand

 Unsere Burgentour durch Oberhavel führt uns zunächst zum Burgwall bei Leegebruch, und damit in das frühe Mittelalter, also in die Vorzeit der Mark Brandenburg. Besagter Burgwall liegt etwa 1 km südöstlich des Leegebrucher Siedlungskerns auf einer kleinen Talsandinsel innerhalb der Muhrniederung südöstlich der Kreisstadt Oranienburg.

Verheißungsvoller Straßenname

Heute wird der zur Vegetationszeit nur noch schwer auffindbare Wallrest von Laubwald, vornehmlich älteren Eichen, eingenommen. Durch diesen alten Laubbestand hebt sich die Wallanlage immerhin recht gut auf Luftbildern ab. Zumindest in der vegetationslosen Zeit kann man die Wallstrukturen zum Teil aber auch noch im Gelände ganz gut erkennen, überragen sie das Gelände stellenweise doch bis über 1,5 m. Ursprünglich, so wird geschätzt, betrug die Wallbreite und -höhe über 3 m. Der Wall war eine Holz-Erde-Konstruktion, dem ein drei Meter breiter und 1 m tiefer Schutzgraben umlaufend vorgelagert war. Mit etwas Fantasie kann man auch den Graben vor Ort noch erkennen oder erahnen.

Rundwall auf Luftbildskizze

Wallstruktur auf der Nordseite, …

… auf der Westseite …

… und auf der Südseite

Die beschriebene Wallbefestigung fehlt allerdings auf der östlichen Seite der Anlage, wurde aber nicht neuzeitlich abgetragen, sondern war hier zum Schutz der Anlage nicht erforderlich. Die Burganlage grenzte auf der Ostseite nämlich an einen 16 Meter breiten – inzwischen verlandeten – Flussmäander des im Mittelalter Massowe genannten Flüsschens an, der späteren Muhre. Von der Massowe-Muhre ist nur noch ein trauriger Entwässerungsraben übriggeblieben.

Rekonstruktionsversuch von Ronny Krüger

Die rundovale Anlage des Leegebrucher Burgwalls hat einen Durchmesser von 70 – 80 Metern. Es handelt sich um die Reste einer slawischen Wallburg, vermutlich einen Fürsten- oder Häuptlingssitz aus mittelslawischer Zeit, an deren südlicher Seite sich eine grabenbefestigte Vorburgsiedlung anschloss. Bei archäologischen Untersuchungen in den 1960er Jahren wurden in dieser Vorburgsiedlung anhand von Pfostenstandspuren 13 Hausstellen festgestellt. Trotz Bodendenkmalschutz wurden die Reste dieser Vorburgsiedlung durch intensiven Ackerbau der örtlichen LPG nach 1965 restlos zerstört.

Bildlicher Rekonstruktionsversuch

Wie die Zeit vergeht

Die Untersuchung eines Holzstücks aus der Konstruktion des Burgwalls mit der Radiokarbon-Methode (C14) ergab 825 (+/- 80) als Datum. Wählen wir die Mitte, dann betrachten wir hier eine Burganlage des 9. Jahrhunderts. Das ist etwa 1100 Jahre her. Es ist verblüffend, dass wir da noch so deutliche Spuren sehen, obwohl die Anlage nur aus Holz und Erde erbaut wurde. Verkohlte Holzreste lassen übrigens darauf schließen, dass die einstige Slawenburg einem Brand zum Opfer gefallen ist. Möglicherweise steht deren Ende in Zusammenhang mit kriegerischen Handlungen (mit wem auch immer).

Wallstruktur auf der Nordseite

Im Kreisgebiet (Oberhavel) sind insgesamt 11 slawische Burgwälle/ Burgen überliefert, davon konnten 7 auch archäologisch belegt und als Bodendenkmale unter Schutz gestellt werden (Birkenwerder, Gransee, Grüneberg, Leegebruch, Liebenwalde, Vehlefanz und Zehdenick). Der Burgwall bei Leegebruch ist davon der am besten erhaltene bzw. sichtbare. Trotzdem finden sich hier keinerlei Hinweisschilder oder etwa eine Infotafel.

Wallkern mit alten Eichen

Wer mehr über Slawenburgen erfahren möchte, der kann mal im Heimatmuseum Gransee vorbeischauen oder sich die Webseite vom Slawenburgenspezi Ronny Krüger ansehen.

Zur Anreise: Wer aus Berlin kommt, kann von Hennigsdorf mit der RB 55 oder der RE 6 bis Velten (6 Minuten) oder nur mit der RB 55 bis Bärenklau (11 Minuten) fahren. Von Velten sind es dann noch etwa 6,5 km und von Beerenklau ca. 6 km bis zum Burgwall bei Leegebruch.

Slawen migrieren nach Germany

Das Land zwischen Elbe und Oder war im Zuge der so genannten Völkerwanderung weitgehend entvölkert. Auch die in unserem Raum siedelnden Semnonen, die zu den verallgemeinert als Germanen bezeichneten Volksstämmen gehörten, hatten sich zum größten Teil im Verlauf des 4. Jahrhunderts in südwestliche Richtung „abgesetzt“. Germanien (fast) ohne Germanen. So sah das hier am beginnenden Mittelalter aus. Allerdings waren die ostelbischen Gebiete nie vollkommen entsiedelt.

Blick vom Wall in die Muhrniederung

In dieses menschen- und siedlungsarme Land kamen dann ab dem 7. und 8. Jahrhundert slawische Bevölkerungsgruppen aus Ost- und Ostmitteleuropa und siedelten sich hier v.a. im Lauf der Flusstäler und seltener auch an größeren Standgewässern an. Es verwundert daher nicht, dass im Gewässer reichen Oberhavelgebiet eine Reihe slawischer Siedlungen entstanden ist. Bisher sind in Oberhavel über 50 slawische Siedlungen archäologisch belegt. Die Bevorzugung der gewässerreichen Niederungsgebiete durch die Slawen wird in erster Linie auf den Fischreichtum und die einfachere ackerbauliche Bearbeitung der „leichteren“ Niederungsböden zurückgeführt.

Aus der frühen Siedlungsphase der Slawen sind noch keine Burgwälle bekannt geworden, was auf eine weitgehend friedliche Besiedlung hindeutet. Nennenswerte Gegner waren ja auch (noch) nicht vorhanden. Erst im Verlauf des 8. und 9. Jahrhunderts bauten die Slawen dann ihre typischen Burgwälle in großer Zahl, überwiegend rund-ovale Anlagen in Holz-Erde-Bauweise.

Bedrohung aus dem Westen

Der „plötzliche“ Burgenbau der Slawen wird oft in Zusammenhang mit dem zunehmenden militärischen Druck durch das fränkische Reich gesehen. Mit der unter Karl dem Großen durchgesetzten Unterwerfung der Sachsen (die bitte nicht mit den heutigen Sachsen zu verwechseln sind) hatten die Franken ihre östliche Reichsgrenze bis an die Elbe vorgeschoben und begannen sich nun vermehrt für die ostelbischen Gebiete zu „interessieren“, die inzwischen seit Jahrhunderten von den Slawen besiedelt waren.

Bei den „Eroberungsgelüsten“ der Franken spielten von Anfang an nicht zuletzt auch religiös-missionarische bzw. kirchliche Machtansprüche eine große Rolle, glaubten die Slawen damals doch noch an ihre eigenen Götter. Nach dem Selbstverständnis der Christenheit bzw. seiner Führungselite waren andere Religionen jedoch des Teufels und mussten daher bekämpft bzw. unter den eigenen Glauben gezwungen werden. Sicherlich wurden religiöse „Argumente“ oftmals auch nur vorgeschoben, um eine aggressive Eroberungspolitik „moralisch“ zu verbrämen.

Wallstruktur an der Nordseite

Zum Schutz vor diesen Eroberern aus dem Westen errichteten die Slawen daher ihre Burgen, so wird angenommen. Im hohen Norden, dem heutigen Mecklenburg-Vorpommern, wurden die Slawen dagegen eher oder zusätzlich von den Wikingern bzw. Dänen bedrängt.

Muhrgraben

Ob der massive Burgenbau der Slawen ab dem 8. Jahrhundert auch im Landesinnern vornehmlich auf die militärischen Operationen der Franken zurückzuführen ist, bleibt allerdings spekulativ. Von den slawischen Stämmen sind uns nämlich keinerlei schriftliche Dokumente überliefert. Es ist gut möglich, dass auch militärische Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Slawenstämmen den Burgenbau „stimuliert“ haben. Zumindest die späteren Burgen der Slawen werden durchweg als Fürstensitze interpretiert und deuten damit auf eine auch bei den Slawen zunehmende soziale Differenzierung bzw. „Aristokratisierung“ hin. Burgen dienten immer auch zum Schutz der Herrschenden vor den Beherrschten. Warum sollte das bei den Slawen anders gewesen sein?

Wie schon erwähnt, die Slawenburg bei Leegebruch fand bereits im frühen Mittelalter ein feuriges Ende und wurde nie wieder aufgebaut. Ihre Spuren verblieben im – später märkischen – Sand.

Die Route vom Bf Bärenklau zum Burgwall Leegebruch

MARK RADLER fährt weiter …