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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No91 / 31. Januar 2021

Über Kuhlhausen oder eine runde Sache

Unsere erste Etappe (der zweiten Haveltour) von Havelberg nach Rathenow führt uns zunächst nach Strodehne, wo die Havel – etwa 14 km vor (oder hinter) Havelberg – das nächste Mal überbrückt wird. Wir hatten zunächst die kürzere Südwestroute über Jederitz und Kuhlhausen gewählt und waren in MR No90 bis nach Jederitz gekommen.

Weiter aufwärts

Wir lassen Jederitz hinter uns und radeln Richtung Osten weiter. Die Havel verläuft immer noch in etwa einem Kilometer Entfernung von der Landstraße. Nach Elbe- oder Oderradtouren stellt man sich einen Havelradweg sicher anders vor. Auch Stichwege bis zur Havel gibt es hier erstmal keine. Ein Versuch, querfeldein – querwiesenein wäre passender – zur Havel zu gelangen, endet am Alten Reimer, einem etwa 100 bis 300 Meter vor der Havel verlaufenden Gewässerlauf.

Alter Reimer

Naturschutzgroßprojekt Untere Havelniederung

Besagter Alter Reimer ist Teil eines großräumigen Renaturierungsprojektes, das – gefördert vom Bund sowie den Ländern Brandenburg und Sachsen-Anhalt – derzeit vom NABU umgesetzt wird. Im so genannten Maßnahmenkomplex 1, der von Havelberg bis Kuhlhausen reicht und eine Fläche von knapp 870 ha umfasst, sollen u.a. Deckwerke und Verwallungen zurückgebaut, Ufer renaturiert und drei Havelaltarme sowie der Alte Reimer wieder an den Hauptstrom der Havel angeschlossen werden. Durch die dadurch erzeugte Durchströmung sollen die früheren Rinnensysteme ihre natürliche Fließgewässerdynamik wiedererlangen und als Lebensräume für typische und seltene Tier- und Pflanzenarten aufgewertet und der Biotopverbund wiederhergestellt werden.

Untere Havelniederung zwischen Jederitz und Kuhlhausen

Die Havel ist mit einer Länge von etwa 334 Kilometern der längste rechtsseitige Nebenfluss der Elbe. Dabei beträgt die direkte Entfernung zwischen Quelle und Mündung gerade einmal 94 Kilometer, was sich durch einen großen ­– U-förmigen – Bogen erklärt, mit dem die Havel den Kern der Mark – meist geruhsam – umfließt. Manche Spötter meinen ja, dieser Hang zu umständlichen Umwegen sei auch typisch für den Märker, aber vielleicht kommt dabei nur der Neid auf eine zutiefst humane Lebensphilosophie konsequenter Entschleunigung zum Ausdruck. Wie dem auch sei, die Havel entspringt im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, durchfließt Brandenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt und mündet an der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen-Anhalt – am Prignitzdörfchen Gnevsdorf – in die Elbe. Immerhin 285 Flusskilometer verlaufen in Brandenburg. Der Höhenunterschied der Havel beträgt lediglich 40,6 Meter. Durch regulierende Wehre und Schleusen und dank der zahlreichen seenartigen Erweiterungen zeichnet sich die Havel durch eine sehr konstante Wasserführung aus. Gefährlich hohe Wasserstände bzw. Hochwässer sind selten und werden eigentlich nur im Havelunterlauf von Elbhochwasser ausgelöst.

Havelniederung bei Kuhlhausen

Coolhausen – eine wirklich runde Sache

Ungefähr 4 km hinter Jederitz fahren wir nach Kuhlhausen ein. Obwohl der Name ziemlich deutsch klingt, geht auch dieser Ort auf eine – vermutlich im 11. Jahrhundert gegründete – Slawen- bzw. Wendensiedlung zurück. Der Ortsname soll sich vom Familiennamen „Kuhla“ oder „Kuhlo“ ableiten. Und „-hausen“ führt näher aus, dass dieser „Kuhla/ Kuhlo“ hier sein Haus gehabt hatte. Wobei diese Wortschöpfung dann doch von deutschen Siedlern stammen muss. Typisch für Siedlungen wendischen Ursprungs ist die Ausbildung eines Rundplatzdorfes, die in Kuhlhausen wirklich gut erhalten ist.

Gut ausgeprägte Rundlingsbebauung

Außenseite des Rundlingdorfes

In der Mitte des „Rundlings“ befindet sich eine so genannte Schinkelkirche, also eine klassizistische Saalkirche, die nach dem Vorbild Schinkelscher Idealentwürfe zwischen 1825 bis 1830 erbaut wurde.

„Schinkelkirche“ in Kuhlhausen

Mal sehen, wann wir auf unserer Haveltour mal wieder auf eine mittelalterliche Kirche stoßen.

Denkmalschutz für die (zahnlose) Katz

Denkmalgeschütztes Scheunenensemble in Kuhlhausen (2018)

Baudenkmal mit Verfallsspuren (2018)

Kuhlhausen wies bis vor Kurzem an der Ringstraße ein wunderschönes, aus Ziegeln bestehendes Scheunenensemble auf, das nicht nur ortsbildprägend, sondern auch Bestandsteil des Denkmalbereiches Dorfkern Ringstraße war. Trotzdem ließ man es verfallen. Im Jahr 2019 wurde dann behördlicherseits zur „Gefahrenabwehr“ der Abriss genehmigt (und umgehend durchgeführt). Ein wahres Trauerspiel (und leider oft aufgeführt).

Ein Haufen Elend – Baudenkmal entsorgt (2019)

Und von anderen Spitzbubereien

Wie ich Berichten der Volksstimme (aus Magdeburg) entnehmen konnte, war Kuhlhausen zumindest im Jahr 2019 ein richtiger Kriminalitätshotspot. Im Januar wurde der örtliche Zigarettenautomat gesprengt. Die Täter hatten eine Rohrbombe in das Ausgabefach gelegt und gezündet. Dadurch gelangten die Täter an das Geldfach und entnahmen einen dreistelligen Euro-Betrag. Allerdings gelang es den Tätern nicht, an die Fächer mit den Zigaretten zu kommen.

Im Juni schlugen vermutlich die gleichen Täter erneut zu. Dieses Mal wurde gleich der ganze Zigarettenautomat gestohlen. Die Täter rissen den gesamten Automaten mit einem Fahrzeug aus dem Boden und zogen ihn auf der Landstraße über eine Strecke von über einem Kilometer weiter. Danach verlieren sich die Spuren.

Wo sind wir hier nur gelandet?

Endlich wieder die Havel

Havelwiesen bei Kuhlhausen

Kuhlhausen liegt über einen Kilometer vom heutigen Verlauf der Havel entfernt. Ein richtges Haveldorf ist Kuhlhausen damit auch nicht mehr. Immerhin geht von hier ein Stichweg aus, der uns tatsächlich bis zur Havel führt. Endlich gewährt sie uns wieder ihren Anblick. Von der anderen Havelseite grüßt uns das Haveldorf Vehlgast.

Havel nordöstlich von Kuhlhausen

Die Havel mit Blick auf Vehlgast

MARK RADLER fährt weiter …

Die Route von Jederitz nach Kuhlhausen