lädt…

Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No68 / 22. April 2018

Urkulterbe: Wartehalle Groß Briesen

Nachdem wir das kleine Briesen kennengelernt hatten (s. MR No66), zog es uns dann noch in das große Briesen, wo wir zunächst den freundlichen Pferdehof kennen gelernt haben (MR No67).

Realsozialistische Baukultur

Nach dem Besuch des freundlichen Pferdehofes ging es dann mit der Erkundung des großen Briesen weiter. An der Hauptstraße fällt mir eine Wartehalle auf, die ganz sicher noch aus DDR-Zeiten stammt. Diese Bauart mit schräg vorkragenden Seitenmauern und gewelltem Eternitdach war in der DDR weit verbreitet, findet sich inzwischen aber selbst in abgelegenen Regionen nur noch recht selten. Wobei der Begriff ETERNIT-Dach für ein DDR-Bauwerk eigentlich ja nicht passend ist. Korrekterweise müsste man von einem Asbestzement-Wellplattendach sprechen. Wie dem auch sei, diese Wartehalle weist einige Besonderheiten auf. An erster Stelle ist die mittig am Dach befestigte große Leuchte zu erwähnen, was ich in dieser Form noch an keiner (DDR-historischen) Wartehalle so gesehen habe. Was für ein Service für die Busnutzer in der dunklen Jahreszeit!

 

Bemerkenswert ist auch das eiserne Absperrgitter zur Straße hin, dass sich wohl in authentischem Originalzustand darbietet. Zur klassischen Urausstattung zählt hier vermutlich auch noch der runde Waschbetonmülleimer im Innern der Wartehalle.

 

Wartehalle, HALLE. Warum solche kleinen Bauwerke als Halle bezeichnet werden, ist ja reichlich schleierhaft, handelt es sich nach dem Duden bei einer Halle doch um ein „größeres Gebäude, das [vorwiegend] aus einem einzigen hohen Raum besteht”. Das mit dem einzigen Raum trifft zwar zu, aber um den hier als „größeres Gebäude“ wahrzunehmen, da muss man dann schon sehr winzig sein (oder sich winzig fühlen).

Bei genauerer Betrachtung fällt mir dann noch ein weiteres bemerkenswertes Detail auf: das kleine Gebäude ragt nicht einmal zwei Meter in den öffentlichen Straßenraum hinein, weshalb es hier überhaupt nicht als Hindernis wirkt, denn sein Innenraum, also die eigentliche „Halle”, liegt innerhalb der Grundstücksflucht, also im Bereich des – heutigen – Privatgrundstückes.

So etwas konnte wohl nur unter realsozialistischen Bedingungen erbaut werden, denn welcher Privateigentümer stellt in der kapitalistisch geprägten Westwelt schon freiwillig ein Stück seines Grundstückes für so eine öffentliche Wartehalle zur Verfügung. Und welche Gemeinde würde es wagen, für so ein nebensächliches Gebäude heiligen Privatbesitz zu enteignen? So könnte man das glatt eine Volkswartehalle nennen. Da bin ich hin und weg. Dieses kleine Bauwerk ist damit ein Artefakt realsozialistischer Baukultur. Urkulterbe, Urkulterbe vom Feinsten!

Urkulterbeliste eröffnet

Spontan eröffne ich die Liste des Urkulterbes (der Sektion Brandenburg) und trage als erstes Objekt die Wartehalle bzw. Volkswartehalle von Groß Briesen ein. Denkmalschützer, gebt schön acht!

 

Und noch mehr Kultiges

Nicht vergessen möchte ich den Hinweis, dass am nordwestlichen Ortsrand von Groß Briesen ein wahrer Witzbold (oder Witzbold*in) haust, der*die der Sammlung gültiger Straßenverkehrszeichen mit innovativer Kreativität ein weiteres hinzugefügt hat: Achtung buckelnde*r Kater*in.

Ist halt ein wahrlich großes Briesen.

MARK RADLER will return…