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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No40 / 6. August 2017

Ragösen – Zoff und Zoll am Flämingrand

Die Tour entlang der Plane hatte uns zuletzt in das Örtchen Cammer geführt, von wo es nun auf die andere (westliche) Seite der Planenierderung geht.

Am Flämingrand

Aus der Planeniederung – oder den Belziger Landschaftswiesen – geht es in westliche Richtung nach Ragösen, das reizvoll am Nordostrand des Hohen Flämings liegt. Der Hohe Fläming ist ein eiszeitlich gebildeter Höhenzug, der von hier in westliche Richtung fast bis nach Magdeburg reicht. Die Gegend um Ragösen zeichnet sich durch fast gebirgsartige Abhänge mit Höhenunterschieden zur Niederung von bis zu – knapp – 60 m aus, was für hiesige Verhältnisse schon spektakulär zu nennen ist.  Allerdings gibt’s hier keine Felsformationen, alles ist aus Sand oder Geschiebe.

„Eingang“ in den Hohen Fläming

Slawisch, sächsisch – aber nie märkisch

Der Ortsname Ragösen ist mal wieder slawischen Ursprungs und soll so viel wie „Ort, wo Schilf wächst” bedeuten, was insofern verwundert, als dass Schilf damals wohl in der gesamten Niederung verbreitet und daher kaum ein Charakteristikum genau für diese Stelle gewesen sein dürfte. Aber sei’s drum. Der slawische Name lässt vermuten, dass Ragösen ursprünglich auch eine slawische Gründung war, aber entsprechende archäologische Befunde liegen (bisher) nicht vor. Der Ort wird erstmals Anfang des 14. Jahrhunderts in einer Urkunde des sächsischen Herzogs Rudolf I. erwähnt, bestand aber sicherlich bereits seit viel längerer Zeit, vermutlich seit dem 12. Jahrhundert. Die Urkunde des besagten Sachsenherzogs bestätigt uns schließlich, dass wir inzwischen tatsächlich die einstige Grenze zu Sachsen überfahren haben. Für puristische Märker sind wir jetzt quasi im Ausland, denn das Gebiet des Hohen Flämings gehörte nie zur Mark Brandenburg. Und dieses Ragösen war sächsischer Grenzort. Aber es kommt noch dicker. Die Ecke, in der wir uns gerade befinden, war über Jahrhunderte besonders stark umkämpftes Grenzland. Die Gegner waren ab Mitte des 12. Jahrhunderts nicht mehr slawisch-„heidnische” Eingeborene auf der einen und deutsch-christliche Eroberer auf der anderen Seite, sondern die neuen Herren aus teutschen Landen und christlichen Glaubens waren jetzt ganz unter sich. Der Südwesten wurde von Sachsen und der Norden und Nordosten von den Brandenburgern gehalten. Zwischenzeitlich mischten auch noch die Mannen vom Erzbistum Magdeburg kräftig mit. Alle waren sie auf ihren Vorteil bedacht und koalierten mal mit diesem, mal mit jenem, wie’s gerade am günstigsten erschien, und droschen immer wieder aufeinander ein. „Game of Thrones” in urteutscher Manier. Dass alle Beteiligten Christen waren, wirkte in keiner Weise friedensstiftend. Sogar der „Oberchrist”, der Erzbischof von Magdeburg, wirkte mindestens genauso „verheerend” – im wahrsten Sinne des Wortes – wie seine weltlichen Gegner (und wechselnden Verbündeten).

Ragösen

Zoff und Zoll in und um Ragösen

Die Grenze zwischen Sachsen und Brandenburg war im Bereich Ragösen sogar besonders umstritten. Land- und forstwirtschaftliche Nutzungen wurden in der fruchtbaren Niederung von beiden Seiten immer wieder über die Grenze ausgedehnt, wodurch es häufig zu Streit und Scharmützeln kam. Möglicherweise spielte auch die ökonomische Nutzung der Wasserkraft eine Rolle. So zogen immer wieder Truppen durch Ragösen, was meist mit den „üblichen” Drangsalierungen und Plünderungen einherging. Die besonders „Dummen” waren dabei schon immer die so genannten kleinen Leute.

Nach einer Infotafel im Dorf wurde in Ragösen im Jahr 1452 eine sächsische Nebenzolleinnahmestelle errichtet, deren Einnahmen vornehmlich für den Ausbau der sächsischen Burg in Belzig verwendet worden sein sollen. Für Handelsreisende dürfte das ein teurer Spaß gewesen sein, denn in Golzow wartete schon die nächste Zollstation auf brandenburgischem Gebiet. Nach dem Aufkeimen neuer Grenzstreitigkeiten wurde der Grenzverlauf zwischen Brandenburg und Sachsen um 1580 auf der Grundlage einer aktuellen Vermessung erfasst und mit Grenzsteinen im Gelände markiert (die historischen Karten gelten heute als Meilenstein der Kartographie). Dies hat tatsächlich zur Befriedung der Gegend beigetragen, was uns zeigt, dass eine klar definierte und gegenseitig anerkannte Grenze auch ihre Vorteile haben kann. Laut Infotafel sollen um Ragösen noch mehrere dieser historischen Grenzsteine erhalten sein. Leider finden sich hier nirgendwo konkrete Hinweise, geschweige denn Karten, die aufzeigen, wo man diese Grenzsteine suchen und finden könnte. Schade. Hoffentlich finden sich dazu noch an anderer Stelle brauchbare Hinweise, denn so ein historischer Grenzstein ist doch eine echte Sehenswürdigkeit.

 

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