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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No57 / 3. Dezember 2017

Über Brück (Mark) und Sachsen

Die nächste Erfahrung startet in Brück (Mark), einem einstigen sächsischen Grenzstädtchen am Rande des Planetals.

Ein Bandwurm namens Brück

Mit dem RE7 nach Brück

Nun sind wir also mit dem RE7 glücklich in Brück angekommen, was keine Selbstverständlichkeit ist, denn der RE7 gehört mit den auf dieser Strecke eingesetzten untalentierten Talentzügen zu den Fahrrad-unfreundlichsten Linien des Landes, zumindest von Berlin aus (s. MR No55).

 

Bahnhof Brück (Mark)

Wenn wir schon in Brück sind, dann wollen wir uns hier auch ein wenig umschauen, wobei sich Brück als eigenartige Bandwurmsiedlung erweist. Bis wir in der nördlich vom Bahnhof gelegenen Altstadt sind, müssen wir erstmal 1,2 km in die Pedale treten. Die Altstadt ist dann selbst ein in die Länge gezogenes Etwas, mehr Dorf als Stadt, denn welche Stadt gruppiert sich schon um einen langgezogenen Anger?

 

Brücker Altstadt

Dörfliches in der Altstadt

Und tatsächlich hat sich dieses Brück als bäuerliche Siedlung – im Schutz einer Burg – nur langsam zu einem Städtchen entwickelt bzw. sollte sich, möglicherweise aus strategischen Gründen, dahin entwickeln. Jedenfalls erhielt der Ort durch den sächsischen Herzog Rudolf II. Mitte des 14. Jahrhunderts Stadtrecht. Richtig, in Brück sind wir wieder in altem Sachsenland, das erst 1815 zu Brandenburg-Preußen kam. Insofern ist die Bahnhofsbezeichnung Brück (Mark) schlichtweg falsch, denn zur Mark Brandenburg hat Brück nie gehört. Aber zurück zur „Stadtgeschichte“. Nur 100 Jahre nachdem Brück das Stadtrecht erhalten hatte, wurde Brück (1459) nur noch als „oppidum” bezeichnet, womit damals stadtähnliche Siedlungen mit Marktrecht umschrieben wurden, denen aber das weitergehende Stadtrecht, wie etwa die Gerichtsbarkeit, fehlte. In seinen ehrgeizigen Zielen und der dann doch eher bescheidenen Entwicklung ähnelt Brück damit durchaus dem märkischen Gegenpart Golzow, das ja ebenfalls in Grenzlage zur Stadt entwickelt werden sollte, dies aber nie schaffte (s. MR No33-35). Brück blieb auch immer unbefestigt, wies jedoch an beiden Ausgängen immerhin Tore auf, im Nordosten das Berliner Tor und im Südwesten das Belziger Tor. Davon ist nichts mehr vorhanden und über die Ausbildung der Tore scheint nichts bekannt zu sein.

 

Altstadt Brück

Stadtansicht aus der Niederung

Darauf einen Schwedentrunk

Brück wurde dann im 30jährigen Krieg weitgehend zerstört und soll etwa 10 Jahre (bis 1646) in Trümmern gelegen haben. Nach der Infotafel vor der Stadtkirche waren dafür mal wieder die Schweden verantwortlich. In diesem Zusammenhang fällt mir auf, dass in unserer heimatgeschichtlichen Literatur zum Thema 30jähriger Krieg hiesige Zerstörungen fast immer den Schweden zugeschrieben werden, und überall im Land finden sich so genannte Schwedenschanzen oder Schwedenwälle, aber keine kaiserlichen Schanzen. Da gewinnt man fast den Eindruck, als ob die Schweden hier entweder ganz unter sich waren oder die Katholisch-Kaiserlichen nur zum Hosiannasingen durch die Lande zogen. So ganz glaubwürdig erscheint mir die Saga vom einzig „bösen Schweden” daher nicht. Na, darauf trinken wir erstmal einen Schwedentrunk! Oder besser: wir futtern einen Schwedenbecher.

 

Nochmal Altstadt

Welcome saxon refugees

Später erlitt das Städtchen noch weitere starke Feuersbrünste und 1706/07 sogar nochmals schwedische „Einquartierung“, was vermutlich eine arg beschönigende Umschreibung ist. Und damit werden wir, auf einst sächsischem Territorium, mit einem weiteren – bei uns weitgehend unbekannten – Krieg konfrontiert, nämlich dem Nordischen, also dem Nordischen Krieg. In diesem Krieg, bei dem es zwischen Schweden auf der einen Seite und einem Bündnis von Russland, Polen und Sachsen auf der anderen Seite um die Vormachtstellung im Ostseeraum ging, drangen schwedische Truppen von Osten her kommend tief nach Sachsen vor, bis in unser kleines Brück, das zu damaliger Zeit als nördlichste Stadt Sachsens gelten kann. Da Brandenburg-Preußen in diesen Krieg nicht verwickelt war, nutzten übrigens manche Sachsen im hiesigen Gebiet die brandenburgische Grenze, um sich vor den Schweden in Sicherheit zu bringen. Auch hier sehen wir, dass so eine Grenze durchaus auch Vorteile haben kann und das selbst Sachsen unverhofft die Flüchtlingsnot erleiden und gewillt sein können, Zuflucht in anderer Herren Länder zu suchen. Und damals war Brandenburg für Sachsen fremdes Ausland, und das Verhältnis zwischen Sachsen und Brandenburgern war hier im Planegebiet alles andere als gut, klauten die Zauche-Bauern aus Brandenburg den Sachsen doch wiederholt das Heu und die bei den Zauche-Bauern als “Stoppelsachsen” verschrienen Sachsen stibitzten im Gegenzug den Brandenburgern das Holz. So ist es jedenfalls überliefert. Jan Feustel berichtet in seinem Erlebnisführer durch das Baruther Urstromtal davon, dass die Brücker Sachsen auf dem Ostermarkt des Jahres 1675 einem Schuster aus dem märkischen Treuenbrietzen dessen Verkaufsstand umschmissen und diesen „brandenburgischen Ausländer“ danach auch noch vermöbelten. Da andere anwesende Treuenbrietzener ihm zu Hilfe kamen, soll’s damals eine ordentliche Prügelei gegeben haben. Also, wohlgesonnen waren sich Sachsen und Brandenburger demnach nicht unbedingt. Dabei stellt sich die Frage, wie sich die Brandenburger damals beim Nordischen Krieg gegenüber den flüchtenden „Stoppelsachsen” verhielten und ob sie diese Ausländer willkommen hießen („welcome saxon refugees”). Zum Nordischen Krieg sei noch angemerkt, dass in seinem Verlauf Schweden durch seine vernichtende Niederlage gegen Russland letztlich seine damalige – durchaus aggressive – Großmachtrolle für immer verlor und sich inzwischen zu einem der friedliebendsten Länder in Europa entwickelt hat. Daraus lernen wir: in mancher Niederlage kann der Beginn von etwas Besserem oder gar Gutem liegen.

Und noch‘n Krieg

Stadtkirche St. Lambertus

(Klein-) Städtischen Charakter muss man zweifellos der kreuzförmig angelegten Stadtkirche St. Lambertus zusprechen, die aber leider nur noch im Kern Elemente ihrer spätgotischen Entstehung aufweist. In ihrer heutigen Form ist diese in Jahrhunderten mehrfach zerstörte, wieder auf- und umgebaute Kirche erst im 18. Jahrhundert entstanden, der Turm sogar erst 1842. Im Jahr 1547 wurde die Kirche wohl vollständig zerstört, so besagt es jedenfalls die Infotafel neben dem Gebäude. In diesem Zusammenhang wird uns, und jetzt stöhnt ihr sicherlich auf, ein weiterer Krieg zur Kenntnis gebracht, diesmal ist es der Schmalkaldische Krieg von 1546/ 47, der, ähnlich wie der 30jährige (Religions-) Krieg, ein vornehmlich religiös bzw. kirchenpolitisch motivierter Krieg war. Der katholische Kaiser Karl V. ging dabei gegen den so genannten Schmalkaldischen Bund vor. Dieser Schmalkaldische Bund war ein Verteidigungsbündnis protestantischer Fürsten- und Herzogtümer wie auch Städte, der unter Führung von Kursachsen und Hessen stand. Während der vom katholischen Kaiser initiierte Krieg 1546 zunächst noch in Süddeutschland tobte, verlagerte sich dann das Kriegsgeschehen 1547 in den sächsisch-thüringischen Raum. Und wieder war auch unser kleines (sächsisches) Brück leidtragendes Opfer und wurde von katholisch-spanischen Truppen besetzt und dabei zumindest die protestantische Stadtkirche zerstört (vermutlich aber mehr). Auch in diesem Krieg war Brandenburg neutral und nicht direkt betroffen. Am Beispiel Brücks zeigt sich auf durchaus eindringliche Weise, wie unterschiedlich die Geschichte der verschiedenen Regionen des heutigen Landes Brandenburg mitunter verlaufen ist.

 

Prächtiges Fachwerk

Im Jahr 1764 wütete dann ein großer Stadtbrand in Brück und vernichtete etwa zwei Drittel der Stadt. So ist hier von der mittelalterlichen Bausubstanz so gut wie nichts mehr erhalten, lediglich die Siedlungsstrukturen der Altstadt entsprechen noch in etwa der mittelalterlichen Situation.

Post Scriptum

Wären noch ein paar Worte zum Ortsnamen zu schreiben. Dieser soll nach überwiegender – aber nicht einhelliger – Annahme auf eine Namensübertragung durch niederländisch-flämische Siedler von der Stadt Brügge in Westflandern zurückzuführen sein. Im alltäglichen Sprachgebrauch wurde dann aus Brügge allmählich Brück. So lautet die Theorie.

MARK RADLER will return…