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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No75 / 11. Februar 2019

In die „Wüste Mark“(Teil 1)

Unser erstes Radlerziel im Jahr 2019 führte uns in die „Wüste Mark“ bei Berlin. Bis zum Jahr 1988 hätte es sogar heißen können: In die „Wüste Mark“ von Berlin, denn von 1920 bis 1988 war diese „Wüste Mark“ ein Teil von Groß-Berlin bzw. ab 1945 von West-Berlin. Die „Wüste Mark“ gehörte im „Kalten Krieg“ nämlich zu den Grenzkuriositäten des geteilten Berlin, war sie doch eine dieser sonderbaren West-Berliner „Exklaven“ auf DDR-Territorium. Aber der Reihe nach.

Alte Autobahntrasse bei Dreilinden

Ausgangspunkt unserer kleinen Tour ist der „Berliner Mauerweg“. Über den brauchen wir eigentlich kein Wort mehr verlieren, denn der ist ja weitgehend bekannt und selbsterklärend. Von Zehlendorf – über den Königsweg“ kommend – zweigen wir direkt hinter der Überführung über die A 115 am ehemaligen Grenzkontrollpunkt Dreilinden, der von den Amis auch „Checkpoint Bravo“ genannt wurde, nach links ab und folgen der alten – inzwischen renaturierten – Autobahntrasse Richtung Teltowkanal oder „Albrechts Teerofen“. In den 1990er Jahren wurden hier auf der stillgelegten – aber noch vollständig erhaltenen – Autobahn Filmaufnahmen für die RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“ gedreht. Nach der Renaturierung war das natürlich nicht mehr möglich. Leider hatte das nicht zum Ende dieser reichlich bekloppten TV-Serie geführt.

Parforceheide

Wir durchfahren hier übrigens gerade die so genannte Parforceheide, ein altes königliches Jagdgebiet. Obwohl wir hier bereits im Land Brandenburg sind, gehören diese Waldpartien dem Land Berlin und werden von den Berliner Forsten bewirtschaftet. Das Ganze geht auf den Dauerwaldvertrag von 1915 zurück, den der kommunale Zweckverband Groß-Berlin mit dem königlich-preußischen Staat abgeschlossen hatte. Die damaligen Kommunalpolitiker wollten damit in weiser Voraussicht die „grünen Lungen“ im Umkreis der wachsenden Metropole Berlin dauerhaft vor Bebauung schützen. Davon profitieren wir bis heute. Wie hier in der Parforceheide.

Stammbahnbrücke

Kurz nachdem die ehemalige Autobahntrasse nach Süden einschwenkt, passieren wir eine marode Brückenanlage, die zur einstigen Stammbahn Berlin – Potsdam gehört und inzwischen ausgiebig als Leinwand von Graffitikünstlern genutzt wird. Solche Graffitikunst wird ja von manchem Mitbürger als eine Art kulturelle Pest wahrgenommen. Und auch ich ärgere mich, wenn z.B. geschmackvoll restaurierte Fassaden übersprüht werden. Vor allem ärgere ich mich über die vielen dilettantischen und hässlichen Schmierereien, aber es gibt in und um Berlin auch große Graffitikunst – Berlin heißt eben nicht ganz unberechtigt „Spray-Athen“. Und es gibt ja wirklich reichlich hässliche Ecken, die bereits durch mittelprächtige Graffitikunst durchaus gewinnen. Ob das auch für die Stammbahnbrückenreste gilt, sei mal dahingestellt. Auf jeden Fall sind hier wirklich oftmals hoch talentierte Spraykünstler am Werk. Allerdings nerven auch hier immer wieder die endlosen Müllberge leerer Farbeimer und Spraydosen. Da muss man dann doch an der zivilisatorischen Reife dieser Künstler zweifeln. Trotzdem ist diese „Indie-Galerie“ eine echte Sehenswürdigkeit.

Stammbahn-Galerie

Aktuell steht die Stammbahn-Galerie ganz im Zeichen eines ToBo Berlin. Der Bursche scheint in der Szene der Graffiti Writer eine kleine Größe zu sein (hat auch ’ne eigene Webseite).

ToBo Berlin (1)

ToBo Berlin (2)

Und beim nächsten Besuch ist vermutlich alles wieder neu besprayt und nichts mehr von ToBo zu sehen.

 

Besagte Stammbahn war übrigens die erste Eisenbahnstrecke in Preußen, sie wurde 1838 in Betrieb genommen, ist aber kriegs- bzw. teilungsbedingt seit 1945 stillgelegt, weshalb die nicht demontierten Teile seitdem verrotten. Die Verkehrsplaner in Berlin und Brandenburg wollen die Strecke allerdings wieder reaktivieren. Ich hoffe, dass beim Ausbau der Strecke von vornherein eine „Stammbahn-Galerie“ berücksichtigt wird.

ToBo Berlin (3)

Etwa 700 m südlich der Stammbahnbrücken stoßen wir auf den Teltowkanal, d.h. wir überfahren ihn auf einer Brücke und gelangen wieder nach Berlin. Genau hier, in „Albrechts Teerofen“, befand sich bis 1969 der (ursprüngliche) westliche Grenzkontrollpunkt Dreilinden, wobei die Grenze in der Mitte der Brücke verlief. Noch heute erkennt man Fahrbahnmarkierungen aus dieser Zeit. Nach dem Autobahnneubau und der Verlegung des Grenzkontrollpunktes im Jahr 1969 hausten hier bis zur Wende West-Berliner Camper.

Teltowkanalbrücke in Albrechts Teerofen

Nur 200 m weiter südlich verlassen wir dann schon wieder Berlin.

MARK RADLER fährt weiter!