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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No 83 / 24. November 2019

(S)Chillpoint Geltow

Es ist Spätsommer und es geht mal wieder auf Haveltour. Dieses Mal wird es aber nur ein kleiner Abstecher.

Bahnhof Caputh-Geltow

Vom Bahnhof Caputh-Geltow (RB 23), der von Wannsee über Potsdam in gut einer halben Stunde zu erreichen ist, geht es in Richtung Nordwesten nach Geltow, genauer gesagt nach Baumgartenbrück. Dort befindet sich nicht nur die wichtige Havelbrücke, die Potsdam mit der Stadt Werder verbindet, sondern auch auf dem 72 m hohen Heineberg die „Hohe Warthe“, also ein mittelalterlicher Wachturm. Möchte man jedenfalls meinen. Aber dazu später.

Havel bei Baumgartenbrück

Der havelnahe Weg von Caputh nach Baumgartenbrück besticht durch sein montanes Umfeld, also die rechterhand hoch aufragenden Hänge von Franzensberg und Heineberg.

Vor der Baumgartenbrücke nutze ich den steilen Aufstieg Richtung Geltow. Aber erstmal stoße ich hier nur auf die stark befahrene B1. Die Havellandschaft lässt sich ganz sicher angenehmer erleben als hier. Aber wir sind ja wegen der Hohen Warthe hier. Allerdings weist mir hier kein Hinweisschild den Weg. Dafür zu einem so genannten Schilldenkmal – mit Aussichtspunkt.

Ein Aussichtspunkt an der Havel darf vom begeisterten Havelradler natürlich nicht ignoriert werden. Also das Rad sogleich geschultert und schon geht es die Treppe hoch, die uns zu einem nicht sehr anmutig wirkenden Parkplatz führt. Ist das hier etwa die gepriesene Aussicht mit idyllischem Ausblick aufs Autoland statt aufs Havelland? Nee, da führt noch eine weitere Treppe höher. Das Fahrrad lass ich auf dem Parkplatz zurück. Und dann bin ich endlich am sagenhaften Schilldenkmal – und hier nicht allein. Denn ich teile mir die Aussicht mit einem kahlköpfigen Hünen und Gorbatschow. Genauer gesagt mit einem Hünen und einem Pülleken Gorbatschow, das der Hüne in seiner rechten Pranke hält. Ich meine natürlich ein Pülleken Wodka Gorbatschow. Wobei mir der Gedanke kommt, dass hier eigentlich ein Wodka Jelzin dem Geschehen, nämlich dem hemmungslosen öffentlichen Suff, viel mehr entsprechen würde. Mir stellt sich augenblicklich eine weitere Frage, nämlich die, warum es noch immer keinen hammerharten Wodka Putin gibt. Der wäre doch für manchen Putin-schwächelnden Wutbürger die eine oder andere Versuchung wert. Zumal wenn der Alkoholgehalt dieses Gesöffs den herbeigeschummelten Prozenten der Putinwahlen entsprechen würde. Na ja, bekanntermaßen hat der Wodka Gorbatschow ja rein jarnüscht mit dem heroischen Wiedervereiniger sowjetischer Provenienz zu tun. Außerdem schweife ich maßlos ab.

Ausblick auf die Havellandschaft vom Schilldenkmal

„Na, och zum Schillen hier?“, höre ich eine rauchige Stimme fragen. Wobei ich das Wortspiel erst später begreife. „Jou!“. Und schon wird mir das Pülleken einladend entgegengestreckt. Verdammt, man soll sich als Gast ja den Sitten der Eingeborenen anpassen, will man nicht als unhöflich oder gar eingeboronenfeindlich erscheinen. Aber vielleicht ist der Hüne gar nicht von hier, beruhige ich mich und lehne höflich dankend ab. Der Hüne mit dem kahl rasierten Schädel und dem heftig wetter- oder sonstwie gegerbten Gesicht scheint es mir nicht übel zu nehmen. Bleibt schließlich mehr Gorbatschow für ihn.

Das Schilldenkmal

Nach einem tiefen Schluck klärt er mich endlich auf. Genau hier sei nämlich vor 210 Jahren das Schillen erfunden worden. Vom preußischen Major Ferdinand von Schill. „Haste nich jewusst, wa? Da kiegste aba!“ „Aber volle Pulle!“ entgegne ich zutiefst beeindruckt. „Hör bloß uff!“, und ein finsterer Blick auf das inzwischen nur noch halb gefüllte Pülleken macht mir den Ernst der Lage augenblicklich klar. Volle Pulle ist hier nicht mehr angesagt, zumal ich am Denkmalsockel bereits fünf Leere erblicke: drei Gorbatschow, eine Wilthener Goldkrone und ein Carlsberger Elephant, extra strong! Alle leer. Was sind das bloß für trübe Aussichten zum Schillen, hier am Aussichtspunkt im Geltower Baumgartenbrück.

Die Inschrift am Denkmalstein scheint den Hünen zu bestätigen, steht da doch: „Am 28.04.1809 biwakierte hier Major F.v. Schill mit seinem 2. Brandenburgischen Husarenregiment.“ Donnerlittchen, Potz und Blitz, das ist ja der Hammer. Hier wurde das Chillen erfunden. Biwakieren bedeutet ja Zelten. Und wenn das kein Chillen ist, hier zu zelten, mit dieser schönen Aussicht auf die Havellandschaft. Und noch ganz ohne B1. Wobei anzumerken ist, dass die Hänge hier zu Schillscher Zeit noch vollkommen offen und von schafbeweideten Trockenrasen geprägt waren, die Aussicht also phänomenal gewesen sein muss.

Inschrift am Schilldenkmal

Das Schillsche Freikorps war am Tag zuvor aus Berlin aufgebrochen, um sich gegen Napoleons Fremdherrschaft aufzulehnen. Übrigens gegen den Willen seiner Vorgesetzten. Hier an der Geltower Havel machte das Corps Pause und feierte ausgelassen und siegestrunken. Danach zog man Richtung Dessau weiter, den napoleonischen Truppen entgegen. Und immer wieder hieß es unter den Schillschen Jägern: „Lasset uns schillen!“ Also biwaken und feiern. Schills Freikorps zog nach einigen Scharmützeln mit napoleonischen Truppen bei Magdeburg dann einen Monat später nach Stralsund, wo es (fast) vollständig aufgerieben wurde. Nur ein braver Soldat namens Rainer Fejk überlebte das Gemetzel und wanderte in die USA aus, wo er das Schillen publik machte. Woraus dann das uns wohlbekannte Chillen wurde. So in etwa erzählte es jedenfalls der Hüne.

Infotafel am Schilldenkmal

Und dann war der Gorbatschow alle.

Ein Foto vom Hünen hätte mich übrigens 5 € gekostet. Also ging’s sofort zur Hohen Warthe weiter.

Havelhang bei Geltow-Baumgartenbrück

MARK RADLER fährt weiter …