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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No62 / 28. Januar 2018

Der Turmbau zu Brück (II) und die Fahrt in den Wilden Osten

Auf der – gefühlten – Flucht vor Blockwarten und BuWe Feldjägern (s. MR No59 und No60) landet MARK RADLER schließlich in den Tiefen des Wilden Ostens.

Antennenmessplatz bei Brück

Wooden Tower Ranch – fast wie in East-Texas

Im Wilden Osten

Am Antennenmessplatz angekommen (s. MR No61), lerne ich erstmal die möglicherweise ungewöhnlichste Westernhorse Ranch der Welt kennen, die – mit Bezug zu den Brücker Türmen – recht originell „Wooden Tower Ranch” heißt, wobei beim Anblick der barackenartigen Gebäude in mir beim besten Willen keinerlei Ranch- oder Farmfeeling aufkommen will.

Eingang zur „Wooden Tower Ranch“

Auf der anderen Seite kennt man ja aus den USA genau solche ganz unromantisch – und mitunter leicht verkommen – wirkende Baulichkeiten. Aus diesem Blickwinkel heraus erinnern mich die Brücker Holztürme dann plötzlich an Ölbohrtürme und ich wähne mich in der Prärie von East-Texas

Antennenmessplatz mit Infos zu den Türmen

Turminfo

Am Nordrand des Antennenmessplatzes finden sich dann einige – stark verblichene – Infotafeln, die einiges über die Geschichte und Bedeutung der Holztürme vermitteln. Im Wesentlichen werden meine bereits mündlich erworbenen Kenntnisse bestätigt (s. MR No61). Präzisiert werden sie bezüglich des Baujahrs (1963) und der Turmhöhe (34 und 53 Meter). Nun kann mich nichts mehr aufhalten. Los geht’s zu den Türmen.

Nach einem großen Schreck ganz unverhofft: Brandenburger Wildost-Charme

Die Brücker Holztürme

Ich folge dem Betonplattenweg in nördliche Richtung, der nach etwa 70 m scharf in östliche Richtung abknickt. Nach weiteren ungefähr 200 m versperrt mir dann ein rotweißes Flatterband die Weiterfahrt. Ach nee, denke und ärgere ich mich. Mal wieder typisch. Obwohl das ein öffentlich zugänglicher Weg ist, versucht hier mal wieder irgendein selbsternannter Obersheriff mir die Weiterfahrt zu verhageln. Aber so kurz vor dem Ziel werde ich jetzt nicht aufgeben. Glücklicherweise sind diese Bänder elastisch genug, sodass ich sogar samt Fahrrad ohne große Mühen darunter durchschlüpfen kann. Nach ungefähr weiteren 50 m knickt der Weg wieder in nördliche Richtung ab und führt dann direkt zu den Türmen. Und augenblicklich sehe ich meinem Verderben entgegen, denn da kommt urplötzlich eine gewaltige Bewegung auf mich zu. Ich benötige einige Pulsschläge, um meine Eindrücke zu ordnen. Zuvorderst fällt mir ein Fahrzeug nach Art der Golfplatzmobile auf, dahinter sehe ich zahlreiche Rindviecher daher trotten und wiederum dahinter und parallel dazu rasen mehrere Cowboys durch die märkische Steppe. Allerdings nicht zu Pferde, sondern zu Enduro und Quad. Shit.

Eastern-Cowboys in Action

Innerlich bereite ich mich schon auf die nächste Suade vor: Privat, Privatbesitz, Fotografierverbot, Verbot, Verbot, wie ist ihr Name?, hau ab… Und dabei sackt meine Fantasie in hoffnungslose Abgründe hinab. Gerade noch knapp den Blockwarten und Feldjägern entronnen, bringen mich nun hier märkische Cowboys in der märkischen Steppe endgültig zur Strecke. Na gut, dann soll es so sein: Spielt mir das Lied vom Tod. Und ich sehe mich zum Klang der Mundharmonika am hohen Turme baumeln.

 

In diese finsteren Gedanken dringt wie aus weiter Ferne eine liebreizende Frauenstimme zu mir vor: „Haben sie Angst vor Kühen?”. Da sehe ich das Golfplatzmobil direkt vor mir stehen, in dem zwei umwerfend charmante – und hübsche – Cowgirls sitzen, die mich, ich fasse es kaum, tatsächlich freundlich anlächeln. So schnell wird aus Horror Glück. „Nee, nee, ich hab’ doch als Kind schon Kühe auf die Weide getrieben, ich hab’ nur mit Bullen Probleme.” Die beiden Mädels müssen lachen, dabei meinte ich das gar nicht so, wie sie es wohl verstanden haben, denn ich meinte wirklich eine Horde echt rindviechiger Bullen, denen ich beinahe mal unter die Hufen gekommen wäre. Aber das ist eine ganz andere Geschichte und die spielte auch nicht in Brandenburg. Wirklich sehr freundlich bitten mich die beiden Mädels, ob ich so gut sein könne, zur Seite zu treten und den Kuhtrieb durchzulassen. Angesichts dieser Freundlichkeit bin ich vollkommen baff und schmelze restlos dahin. Ich bin wirklich hin und weg. Während ich mich dann noch sehr nett mit den beiden Mädels unterhalte, haben die Cowboys eine nicht ganz so einfache Aufgabe zu lösen, denn sie sollen eine Kuh aus der Herde herauslösen und gesondert in das um Turm II bestehende Gehege treiben. Die Schwarzbunte will aber nicht so recht, weshalb die Jungs ihr ganzes fahrerisches Können aufbieten müssen. Ok, denke ich mir, vielleicht wäre das jetzt einfacher, wenn die Jungs von den Maschinen absteigen und die Schwarzbunte zu Fuß zum Gehege manövrieren, aber ich verstehe schon, dass es auf den Maschinen einfach mehr Spaß macht. Sind halt Jungs, echte – märkische – Cowboys eben. Leider wird die gute Muhkuh immer nervöser und rennt dann fast panisch durch den wegbegleitenden Graben, um sich dann auch noch im angrenzenden Zaun zu verfangen. Die Jungs kapieren endlich und lassen von der Schwarzbunten erstmal ab. Langsam kehrt Ruhe ein, sowohl bei den Jungs, was mir fast wichtiger erscheint, wie auch bei der Muhkuh. Ruhige Zusprache und langsames Nähern zeigt dann Wirkung. Muhkuh kommt zur Besinnung und stapft schließlich ganz gelassen in das Turmgehege. Das wäre geschafft. Das war wirklich eine furiose Eastern-Show, die mir hier in Brück East-Texas geboten wurde – und das ganz ohne Eintritt, wie die Mädels richtigerweise feststellen.

 

Muhkuh im Turmgehege

Nachdem die Easterncrew nach einer herzlichen Verabschiedung verschwunden ist, kann ich mich endlich den Brücker Türmen widmen. Sehe ich mal von den Ziegen in beiden Turmgehegen und der Schwarzbunten im Gehege um Turm II ab, bin ich jetzt ganz allein auf weiter Flur. Das mit den tierisch belegten Gehegen ist ganz geschickt gemacht, denn dadurch werden unerwünschte Besucher von den Türmen ferngehalten. So wird nicht nur das – nicht ungefährliche – Besteigen, sondern auch das – unerwünschte – Beschmieren der Türme wirksam verhindert. Trotzdem kommt man den Türmen nahe genug, um von ihrer Größe bzw. Höhe absolut beeindruckt zu sein, zumal man jetzt deutlich erkennt, dass sie wirklich komplett aus Holz bestehen.

Filigrane Holzkonstruktion

So etwas habe ich tatsächlich noch nie zuvor gesehen. Das wäre schon spektakulär, wenn man da rauf könnte, insbesondere auf den 53 Meter hohen Doppelturm. Zunächst einmal muss aber ihre Erhaltung sichergestellt sein. Als technisches Denkmal sind sie inzwischen immerhin ausgewiesen, leider garantiert das noch nicht ihre dauerhafte Erhaltung. Dafür wird viel Geld benötigt. Wenn Ihr also was übrig habt…

Nun reicht’s aber mit Brück.

Post Scriptum

Ehemalige Telefunken-Baracke aus den 1930er Jahren

Zu Hause habe ich im Internet eine Fülle weiterer interessanter Informationen zu den Brücker Türmen gefunden. Die ergiebigste Quelle ist eine digitale Broschüre des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesamtes. Danach wurde der Antennenmessplatz bei Brück bereits im Jahr 1936 von der legendären Telefunken AG eingerichtet, die damals im Rundfunkwesen zu den weltweit innovativsten Firmen zählte. Der Standort Brück war wegen der Bodenverhältnisse und dem hohen Grundwasserstand für funktechnische Messungen besonders gut geeignet und wurde von Telefunken entsprechend bis 1945 genutzt. Die Brücker Anlage von Telefunken bestand dabei aus zwei streng voneinander abgeschirmten Abteilungen. Die erste Abteilung war der Geräteentwicklung und Funkmesstechnik gewidmet, die zweite Abteilung betrieb die Entwicklung von Antennenanlagen, insbesondere von Peil- und Richtantennen. Zumindest die zweite Abteilung dürfte militärische – kriegswichtige – Bedeutung gehabt haben. Insofern befinden wir uns auch hier an keinem „unschuldigen” Ort. Aus der Telefunken-Zeit sind auf dem Gelände noch zwei Holzbaracken erhalten. Nach dem Krieg wurden die technischen Anlagen umgehend von den Sowjets demontiert und die Baracken zwischenzeitlich vom Ostberliner Werk Oberspree (Elektrotechnik) genutzt.

 

Ehemalige Werkstätten der Deutschen (DDR) Post

Zwischen 1957 und 1963 wurde dann das in großen Teilen noch erhaltene „Betriebslaboratorium für Rundfunk und Fernsehen der Deutschen Post” (BRF) aufgebaut. Dazu zählten Labore, Büros, Werkstätten, Garagen, Dienstwohnungen, ein Speisesaal, zwei Stahlfachwerktürme (50 m), die drei Holzfachwerktürme (bis zu 53 m) und sogar ein Hubschrauberlandeplatz. Die Gesamtanlage umfasste etwa 30 ha. Ein großer Teil dieser Baulichkeiten ist erhalten. Die große Besonderheit sind aber die Holztürme, die aus messtechnischen Gründen vollständig aus Holz bestehen bzw. absolut metallfrei gehalten sind und zur Aufnahme von auszumessenden Antennen dienten. Durch die metallfreie Konstruktion dieser Türme war ein ungestörtes Ausmessen der Antennendiagramme möglich. Die zwei verbliebenden Türme sind europaweit die einzigen freistehenden in ingenieurbaumäßiger Art errichteten Bauwerke dieser Art (der dritte Turm war 1979 abgebrannt, s. MR No61).

 

53 m hoher Doppeltum

MARK RADLER will return…