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Mark Radler

Notizen aus der Provinz

No96 / 3. Oktober 2021

Via Dosse nach Strodehne

Unsere zweite Haveltour oder -etappe startete in Havelberg, von wo es Havel aufwärts nach Strohdehne gehen sollte. Auf der Nordostroute erreichten wir zuletzt das „stille Örtchen“ Vehlgast. Nun geht es durch die Dosseniederung zum Etappenziel Strodehne.

Weiter geht’s

Vehlgast an der Vehlgaster Havelschleife

Um von Vehlgast nach Strodehne zu kommen, müssen wir erstmal über die Dosse, die bei Vehlgast in die Havel mündet. Die erste Möglichkeit zur Überquerung findet sich etwa 3 km östlich an der kürzlich erneuerten Wehranlage Saldernhorst.

Verschlungenes und …

Auf dem Weg Richtung Osten zur Dosseüberquerung kommen wir zunächst an der frisch renaturierten Vehlgaster Havelschlinge vorbei. Von der Renaturierung, also der Wiederherstellung der alten Flussschleife, profitiert nicht nur die Natur, sondern sicher auch der (softe) Bootstourismus. Ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Renaturierungsarbeiten im Jahr 2016

Schweres Gerät, diesmal für die Natur

Die Havelschlinge ist wieder geöffnet (2018)

 

Bewohner der nahegelegenen Siedlung Wendisch Kirchhof, mit denen ich ins Gespräch komme, halten das alles allerdings für „rausgeschmissenes Geld“. Na ja, für manche zählt eben nur, was so richtig in die Landschaft reinklotzt. Da sieht man wenigstens, wo die Knete geblieben ist. Aber so eine renaturierte Havelschlinge, das sieht ja bald aus, als ob hier nie etwas geschehen wäre.

Schnell heilende Wirkung der Natur (2019)

… ein schöpferisches Werk

Erwähnen möchte ich noch die Reste des alten Schöpfwerks bei Vehlgast, das nach jahrzehntelangem Verfall ab 2018 saniert bzw. neu aufgebaut wurde und seit 2019 zu kulturellen Zwecken genutzt wird. Bei dem technischen Denkmal handelt es sich immerhin um das älteste (teilweise) erhaltene Schöpfwerk in Sachsen-Anhalt, das in seinem Inneren noch die originale Elektro-Antriebstechnik der 1920er Jahre enthält.

Reste des alten Schöpfwerkes (2016)

Das 1900 errichtete Schöpfwerk diente dazu, um auch bei einem hohen Wasserstand der Havel die eingedeichten Siedlungen, Äcker und Wiesenflächen entwässern zu können. Solche Schöpfwerke sind wesentliche Bausteine großflächiger Auen- oder Niederungsentwässerungen. Oftmals werden Schöpfwerke auch dafür eingesetzt, die tief entwässerten Auenwiesen durch Rückholung des Wassers (in die Gräben) ausreichend feucht zu halten, die Entwässerung also zum Teil wieder rückgängig zu machen. Das alles ist (ingenieurbaulich) so genial wie es im Grunde totaler Wahnsinn ist.

Infozettel 2016

Was der ahnungslose Wanderer oder Radler als eine naturnahe Idylle wahrnehmen mag, ist hier also von einem hochkomplexen technischen System abhängig, mit dem eine maximale Naturausbeutung erreicht werden soll. Die Flutkatastrophen der letzten Jahrzehnte haben uns die Fragwürdigkeit dieses technischen Fortschritts allzu deutlich aufgezeigt.

Die Dosse – ein (Fluss-) Kapitel für sich

Havelweg

Wie schon erwähnt, mündet südöstlich von Vehlgast das märkische Flüsschen Dosse in die Havel. Die am Nordrand der Prignitz entspringende Dosse bringt es immerhin auf fast 100 km Fließlänge und zählt damit zu den bedeutenderen Nebenflüssen der Havel. Am bekanntesten ist die Dosse wohl durch das Städtchen Neustadt an der Dosse. Denken wir nur an die Geschichte „Emil und die Detektive“, die in diesem Neustadt an der Dosse ihren Anfang nimmt.

Dossemündung bei Vehlgast

Der Name Dosse ist übrigens – wie der der Havel – indogermanischen Ursprungs und weist auf den Wortstamm dhü- oder dheu mit der Bedeutung „wirbeln“ hin. Muss mal ein wildes Flüsschen gewesen sein, unsere Dosse.

Die Dosse kurz vor der Einmündung in die Havel

Und wenn wir schon in der Historie sind, sei noch angemerkt, dass sich der Name des slawischen Volksstammes der Dossanen (Doxani, Doxanen, Dasseri, Desseri) auf deren im 10. Jahrhundert besiedeltes Gebiet entlang der Dosse bezieht.

Dosseniederung mit Folterstrecke für Radler

Im Mittelalter war die untere Dosse von der Mündung bis zumindest nach Wusterhausen/ Dosse ein wichtiger Verkehrsweg für Holz (flussabwärts) und Salz (flussaufwärts). Wichtiger Handelsplatz für Holz und Salz war im Mittelalter die bereits von uns durchfahrene Hansestadt Havelberg (s. MR No52).

Nickende Kratzdistel am Wegesrand

Da fällt mir ein, dass sich die Dosse eigentlich für eine eigene Radtour anbietet. Na, schaun wir mal.

Die Mark hat den Mark wieder

Nach etwa 3 km kommen wir an der Wehranlage Saldernhorst an, wobei wir etwa 700 m zuvor die Grenze zum Land Brandenburg passiert haben. Aus dem Sachsen-A Radler ist wieder der Mark Radler geworden.

Dossebrücke am Saldernhorst

Kurz vor der Wehranlage Saldernhorst ermöglicht uns eine Brücke die Überquerung der Dosse. Die Dosse wirkt hier leider trist wie ein Kanalbau, was sie genaugenommen ja auch ist. Die ursprüngliche Dosse mäandrierte noch fröhhlich durch die Aue. Das ist lange her. Die Wasserbauer haben vermutlich mehr Natur auf dem Gewissen als die Straßenbauer. Allerdings hatten sie auch mehr Zeit dazu. Alles Schurken, würde Greta sagen.

Wehranlage Saldernhorst

Strodehne – Etappenziel erreicht

Hinter der Dosse geht’s wieder in südwestliche Richtung und nach etwa 3,5 km erreichen wir endlich Strodehne.

Tja, Strodehne. Ein wirklich hübsch gelegener Havelort. Die Brückengeschichte hatte ich schon beim ersten Besuch erzählt (s. MR No92). Viel mehr habe ich über den 240-Seelenort leider nicht in Erfahrung bringen können.

Havelort Strodehne

Im Grunde ist Strodehne ein Doppeldorf. bestehend aus dem Runddorf Klein Strodehne (Kleindorf) im Norden und dem Straßendorf Groß Strodehne (Großdorf) mit der Kirche im Süden. Jedenfalls steht das so auf der Webseite des Ortes.

Die Kirche wurde um 1900 erbaut, ist für mich also nicht von Interesse. Nach archäologischen Untersuchungen besteht Strodehne seit dem 9./ 10. Jahrhundert. Urkundlich erwähnt wurde es erstmals im Jahre 1378 als „Tylen Strodene“. Über den Namensursprung wurde viel spekuliert. Er könnte slawischen Ursprungs sein und sich auf einen Personennamen beziehen oder gar aus germanischen Zeiten stammen und sich begrifflich irgendwie auf Wasser beziehen oder aber es bedeutet was ganz anderes …

In Strodehne gibt’s wohl einige zugezogene Künstler, weshalb manche von einem Künstlerdorf sprechen. Na ja, das verursacht auch hier manche Konflíkte.

Damit ist unsere zweite Haufelrauf-Etappe am Ende. Das wäre nun ein Grund zum Feiern. Und es gibt in Strodehne dafür auch den Gasthof „Stadt Berlin“. Leider war der aber bei jedem meiner Besuche für mich unerreichbar: immer wegen einer geschlossenen Gesellschaft.

 

Wenn ich es so recht betrachte, ist es für einen Feierabend sowieso zu früh, denn zum nächsten Bahnhof muss ich noch eine Weile strampeln. Bis Rathenau sind’s 38 km, zurück – über Havelberg – nach Glöwen etwa 22 km oder auf kürzestem Weg zum Bahnhof in Breddin immer noch 18 km.

MARK RADLER fährt weiter …

Die Route von Vehlgast nach Strodehne